Wiedereinstieg in die ketogene Ernährung

Mein Wiedereinstieg in die ketogene Ernährung

 

Bulletproof Coffee

Von wegen Latte, Bulletproof Coffee – schnelles Frühstück für Ketarier

Vor einiger Zeit habe ich ein Experiment mit ketogener Ernährung gemacht und war begeistert von den Auswirkungen :

Mein erster Versuch mit ketogener Ernährung und ein paar Grafiken zum Vergleich

Trotz aller Begeisterung habe ich die reine ketogene Ernährung aber nicht beibehalten sondern mich für eine „abgespeckte“ Version entschieden und eine Art „very low carb“ Teilzeitprogramm für mich entwickelt. Während einer normalen Arbeitswoche habe ich versucht so wenig Kohlenhydrate wie möglich zu essen und am Wochenende habe ich mich dann weitgehend so ernährt wie der Rest der Familie.

Warum habe ich die ketogene Ernährung damals nicht fortgesetzt ?

Ganz einfach. Man muss sich zunächst deutlich aus der gewohnten Komfortzone herausbewegen. Ketogene Ernährung macht sich nicht von alleine und hat, zumindest am Anfang, nichts mit Convenience zu tun. Oder anders ausgedrückt, unsere Umgebung, unsere Mitmenschen, unsere Ärzte, unsere Lebensmittelanbieter, eigentlich niemand macht es dir leicht, wenn du dich ketogen ernähren möchtest. Ganz im Gegenteil. Man muss sich auf Gegenwind einstellen. Die Freunde, Familienmitglieder und Arbeitskollegen halten einen für verrückt. Ärzte wollen es einem ausreden weil der Mensch „unbedingt Kohlenhydrate braucht“ und weil man als Typ 1 Diabetiker sowieso immer das Risiko hat in die gefährliche Ketoazidose zu kommen. Und überhaupt und sowieso.

Das Essen muss man in aller Regel selbst zubereiten und kann nicht auf irgendwelche Convenience Produkte zurückgreifen, was deutlich mehr Arbeit macht und unterwegs schon mal schwierig werden kann. Andererseits finde ich es gar nicht schlimm wenn man sein Essen selbst zubereitet denn ich traue unserer Lebensmittelindustrie sowieso nicht mehr über den Weg und wir haben es uns in der Familie mittlerweile angewöhnt unser Essen so weit wie möglich selbst frisch zuzubereiten.

Alles in allem wird einem das Leben nicht einfach gemacht wenn man diesen Weg gehen möchte.
So hatte ich eben einen für mich guten Kompromiss gewählt.

Warum bin ich nun wieder in die ketogene Ernährung eingestiegen ?

Bevor die Diagnose meines Typ 1 Diabetes damals festgestanden hat, habe ich in wenigen Wochen gute 32kg Körpergewicht verloren. Damals hatte ich mir fest vorgenommen nicht wieder ins Moppelstadium zurückzukehren.
Trotz aller Bemühungen in Sachen Ernährung und Sport habe ich in den 4 Jahren seit der Diagnose aber wieder 20kg zugelegt.
Natürlich habe ich versucht das Ganze zu bremsen oder auch wieder rückgängig zu machen. Aber was auch immer ich versucht habe, es hat nicht wirklich funktioniert.
Die Schmerzgrenze war für mich nun endgültig erreicht.

Zu allem Überfluss habe ich auch noch Probleme mit meinen Achillessehnen bekommen und musste meinen Sport reduzieren, was das Problem natürlich noch verstärkt hat. Das Laufen habe ich bis auf Weiteres sogar ganz eingestellt.
Als meine Diabetologin dann beim Quartalstermin meine Blutfettwerte angesprochen hat und mir als „Risikopatient“ empfohlen hat über den Einsatz eines cholesterinsenkenden Medikamentes nachzudenken, habe ich einen Entschluss gefasst:

Bevor ich nicht selbst alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, werde ich keine Statine nehmen. Wahrscheinlich auch danach nicht, weil ich von dem Zeug nicht viel halte und das Wissen, das ich mir im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit dem Thema ketogene Ernährung angeeignet habe, mich auch nicht gerade motiviert ein solches Medikament einzunehmen. Da muss es andere Wege geben.

Deshalb habe ich folgende Ziele für mich definiert :
– mein Gewicht langfristig in den Bereich des Normalgewichtes bringen, das für meine Körpergröße bei maximal 81kg liegt.
– die Blutfettwerte verbessern, so dass meine Diabetologin nicht im Traum daran denkt das Thema Statine nochmal anzuschneiden
– die postprandialen Blutzuckerspitzen in den Griff bekommen und einen möglichst niedrigen und ausgeglichenen Blutzuckerverlauf erreichen
– den Stress reduzieren, der mir der fortwährende Kampf um gute Blutzutzuckerverläufe bereitet

Dazu möchte ich erwähnen, dass eine ketogene Ernährung weitaus mehr bietet als lediglich bei der Reduktion von Körpergewicht behilflich zu sein. Andererseits kenne ich keine andere Methode die zumindest bei mir genau das so einfach und vor allem hungerfrei erreicht.

Ist das mit der ketogenen Ernährung jetzt leichter als beim ersten Versuch ?

Ja, mit der Erfahrung und der Einstellung die ich mittlerweile habe, definitiv. Man wächst bekanntlich mit seinen Aufgaben. So ist es auch mit der ketogenen Ernährung. Vieles was ich im ersten Versuch lernen musste, gehört nun sozusagen zum Handwerkszeug und ich kann mich auf andere Dinge konzentrieren.
Alleine die Tatsache, dass ich bereits an den Arbeitstagen „very low carb“ gelebt habe, hat dazu geführt, dass ich die zu Beginn der Ernährungsumstellung gefürchtete Keto-Grippe nicht hatte. Offensichtlich war ich von Beginn an einigermaßen keto-adaptiert. Mein Körper wusste mit dem „neuen“ etwas Treibstoff anzufangen.

Außerdem habe ich einen selbstbewussteren Umgang mit der Thematik erlernt. Dadurch, dass ich mich sehr intensiv mit dem Thema auseinandersetze, kann ich selbst viel besser damit umgehen und die Vorteile ausnutzen und auch „Manipulationsversuchen“ von Mitmenschen ganz anders begegnen.
Das alles führt dazu, dass es viel leichter fällt konsequent zu sein. Konsequenz ist bei ketogener Ernährung unabdingbar, ansonsten kommt man nicht in einen stabilen ketogenen Stoffwechselzustand oder fällt zu schnell wieder raus.

Lohnt es sich auf “Alles“ zu verzichten ?

Gelegentlich werde ich gefragt, ob es nicht schwer ist auf „Alles“ zu verzichten. Es ist schon seltsam, dass für einige Menschen Kohlenhydrate offenbar „Alles“ bedeuten.
Ganz ehrlich? Nein, es ist weitaus weniger schwer als man denkt.
Das klingt unglaublich aber das ist es wirklich nicht. Je länger und konsequenter man das macht, umso leichter ist es. Man könnte fast glauben man befindet sich in einer Art Zuckerabhängigkeit wenn man sich „konventionell“ ernährt. Das verliert sich vollständig unter ketogener Ernährung.
Außerdem verzichte ich aus meiner Sicht nicht auf „Alles“, allenfalls auf Dinge die mir erfahrungsgemäß nicht gut tun. Was soll ich da vermissen?
Ich verzichte z.B. auf postprandiale Blutzuckerspitzen, auf stark schwankende Blutzuckerwerte, auf Korrekturinsulin und auf Nahrungsmittel die durch Insulin in meinen Speckgürtel transportiert werden um danach wieder Heißhunger zu verursachen.
Mit ketogener Ernährung erschließt man sich die Fähigkeit seine eigenen Fettreserven als Energie zu nutzen und selbst wenn mal eine Mahlzeit ausfällt quält einen der Magen nicht mit nagenden Hungergefühlen weil er sich mit vorhandenen Körperfett versorgen kann.
Mahlzeitenalternativen gibt es wirklich zur Genüge und schmecken tun diese auch. Nur passen sie in aller Regel nicht in das allgemeine Verständnis einer gesunden und ausgewogenen Ernährung. Zumindest nicht, solange man nicht Brot, Nudeln, Reis oder Kartoffeln dazu serviert.

Hat die Ketose schon positive Auswirkungen ?

 

Kuchendiagramm der SiDiary App mit Blutzuckerwerten von 8 Wochen.

Kuchendiagramm der SiDiary App mit Blutzuckerwerten von 8 Wochen.

Seit Mitte Januar, also über 2,5 Monate ernähre ich mich jetzt ketogen. Das ist noch nicht besonders lange, reicht aber für ein paar entscheidende Erkenntnisse.
Einzige Ausnahme war ein Abendessen auf einer Geschäftsreise nach Italien, bei dem ich irrtümlicherweise dachte etwas kohlenhydratfreies zu bestellen um am Ende ein Pastagericht zu bekommen. Ja, mein italienisch kann ich noch verbessern.
Kleine Ausnahmen sind auch die zugegeben selten gewordenen Momente, in denen ich meinen Blutzucker mit wohldosierten Kleinportionen Haribo oder im Notfall auch Traubenzucker stützen muss weil ich mich noch nicht daran gewöhnt habe so wenig Insulin zu brauchen.

positive Auswirkungen bisher :
– es gibt keine postprandialen Blutzuckerspitzen mehr
– es gibt weniger Unterzuckerungen
– mein Blutzuckerverlauf ist wesentlich stabiler auf niedrigerem Niveau
– die Insulinierung ist aufgrund geringerer Mengen weniger fehlerbehaftet
– ich verspüre weniger Müdigkeit, bin wesentlich wacher im Kopf
– ich habe ein verbessertes Wohlbefinden
– ich nehme Sättigung viel besser wahr und habe weniger Hunger, dadurch esse ich weniger
– mein Gewicht ist deutlich gesunken
– mein Insulinbedarf ist um runde 50% gesunken

Ein niedriger Insulinspiegel ist die Grundvoraussetzung überhaupt erst seine Fettreserven verstoffwechseln zu können. Außerdem reduziert ein niedriger Insulinspiegel den oxidativen Stress im Körper.

Ist die ketogene Ernährung jedem zu empfehlen ?

Die ketogene Ernährung ist schon eine sehr spezielle Geschichte obwohl sie der menschlichen Natur eigentlich näher ist, als die meisten Menschen glauben oder auch glauben möchten. Wenn man diesen Weg gehen möchte, muss man bereit sein in seiner Ernährungsweise einiges zu ändern und alte Prinzipien über Bord zu werfen, seine Ernährung viel mehr als zuvor zu planen, seine Mahlzeiten weitgehend selbst zuzubereiten und sich auf den Widerstand seiner Umwelt einzustellen.

Im Allgemeinen würde ich eine ketogene Ernährung nicht jedem empfehlen.
Ich bin aber absolut der Meinung, dass wir in unserer heute üblichen Ernährung viel zu viele Kohlenhydrate zu uns nehmen im Verhältnis zu den Aktivitäten, die wir im Durchschnitt an den Tag legen.
Das ist für mich genau der Punkt. Menschen die den superschnellenTreibstoff Kohlenhydrat durch ihre Aktivität verstoffwechseln haben wahrscheinlich keine Probleme und keine Notwendigkeit dafür Kohlenhydrate in der Nahrung zu reduzieren oder gar sich ketogen zu ernähren.

Viele Menschen sind aber nicht so aktiv wie das durch ihre an schneller Energie reiche Ernährung zum Ausdruck kommt. Da halte ich es durchaus für sinnvoll die schnelle Energie Kohlenhydrate zugunsten von langsamerer und nachhaltiger Energie aus Fett zu reduzieren. In meinen Augen ist z.B. die LOGI Methode ein sehr guter Ansatz.
Ich denke nicht, dass ketogene Ernährung die Lösung für jeden ist. Aber ich denke, dass es eine Möglichkeit ist, der man eine Chance geben sollte, wenn man zu den Personen gehört, denen das zu viel an Kohlenhydraten nicht gut tut und wenn man bereit ist sich auf das Abenteuer ketogene Ernährung einzulassen.

Ist die ketogene Ernährung Typ 1 Diabetikern zu empfehlen ?

Immer wieder lese ich, dass Typ 1 Diabetikern abgeraten wird sich ketogen zu ernähren bzw. eine Ernährungsform zu wählen, bei der die Kohlenhydrate drastisch reduziert werden. Der Grund für diesen Rat liegt in der Angst vor einer diabetischen Ketoazidose.
Im ketogenen Stoffwechsel liefern die sogenannten Ketone, die durch den Abbau von Fettsäuren aus der Nahrung und dem Körperfett gebildet werden die Energie, die der Organismus benötigt. Man spricht auch von einer ernährungsbedingten Ketose deren Optimalwerte an Ketonen etwa zwischen 1,0 und 3,0 mmol/l liegen.
Die Gefahr, die man beim ketogen ernährten Typ 1 Diabetiker sieht, liegt in der lebensgefährlichen Ketoazidose begründet, die auch aus dem Abbau von Fettsäuren resultiert und sich durch einen sehr hohen Gehalt an Ketonen im Blut auszeichnet. So hohe Werte, dass man von einer Ketoazidose spricht – 15mmol/l – kommen aber nur zustande, wenn man unter absolutem Insulinmangel leidet.
Genau das ist zwar bei Typ 1 Diabetikern der Fall, aber im Rahmen einer wohlformulierten Therapie wird der Insulinbedarf durch die externe Zufuhr von Insulin gedeckt. Natürlich kann diese Insulinzufuhr aus diversen Gründen, insbesondere beim Insulinpumpenträger, unterbrochen sein und genau darin besteht die Gefahr, dass es dadurch zu einer Stoffwechselentgleisung mit anschließender Ketoazidose kommt.

Ich bin aber der Meinung, dass ein unbemerkter absoluter Insulinmangel so oder so zu Problemen mit einer Ketoazidose führt, ob mit oder ohne ketogener Ernährung. Deshalb muss ein Typ 1 Diabetiker und ganz besonders Insulinpumpenträger für diese Problematik sensibilisert werden, was in einer guten Schulung auch geschieht.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die positiven Auswirkungen auf den Blutzuckerverlauf und die viel größere Stabilität desselben das minimal erhöhte Risiko einer Ketoazidose bei ketogener Ernährung weit überwiegen. Ich selbst habe in Ketose gar keine hohen Blutzuckerwerte mehr gehabt.

Ich sehe es so, dass insbesondere Ärzte im Zusammenhang mit Typ 1 Diabetes gerne von einer ketogenen Ernährung abraten, weil sie kaum über Erfahrung damit verfügen und sich von den „schlimmen“ Geschichten leiten lässt, die von Menschen verbreitet werden, die gegen alles sind, was nicht in ihr Weltbild passt oder deren gut erschlossene Einnahmequellen gefährdet.

Meiner Erfahrung nach ist die ketogene Ernährung bei verantwortungsvoller Therapieführung sehr wohl und sehr gut für Typ 1 Diabetiker geeignet, wenn man bereit ist einen etwas anderen Weg zu gehen und Widerstände zu überwinden.
Und wenn man diesen Weg geht, wird man feststellen, dass alles was man bisher an Strategien im Rahmen einer Diabetestherapie kennengelernt hat  sich im Vergleich zur ketogenen Ernährung fast wie wirkungsloser Firlefanz ausnimmt.

Ich fühle mich mit dieser Art der Ernährung momentan pudelwohl. Es geht mir damit rundum gut.

Habt ihr auch Erfahrungen mit besonderen Ernährungsformen gemacht?

By the way, da hab ich noch etwas gefunden, das die Sache ganz gut darstellt : Mentale Klarheit & emotionale Stabilität durch Ernährung 

 

 

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